Nachtrag (2): Rede vom 01.05.15

Im folgenden dokumentieren wir unsere Rede zum Roten 1. Mai in Trier:

Ihr findet die Rede auch hier als pdf!

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,

Im Jahr 1889 erklärte der Gründungskongress der Zweiten Internationalen den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiterbewegung. Dies geschah in Erinnerung an die Haymarket Affair in den ersten Maitagen 1886 und zum Gedenken an die in der Folge hingerichteten Anarchisten. 1886 hatten Arbeiter in den USA den Acht-Stunden-Tag und bessere Löhne gefordert. Die Durchsetzung ihrer Ziele suchten sie durch Streiks. Am 1. Mai kam es in Chicago zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte.

Auch heute gibt es Gründe, Arbeitskämpfe zu führen. Stellenabbau und Prekarisierung von Arbeit bedrohen die Existenzen von Lohnabhängigen. Die Bereitschaft zum Konflikt scheint jedoch abzunehmen. Zugleich untergräbt die deutsche Sozialdemokratie, anfänglich unterstützt von den Gewerkschaften, mit Gesetzen zur Tarifeinheit die Möglichkeiten gewerkschaftlicher Organisation. Diese Entwicklungen stellen einen Angriff auf bisher erkämpfte soziale Standards dar. Jedoch sind sie nicht das eigentliche Problem.

Die Konkurrenz macht es für Unternehmen erforderlich, billiger zu produzieren oder nicht gewinnbringende Produktionen ganz einzustellen. Wer hier nicht mithalten kann, geht den Bach runter. Die Arbeiterinnen und Arbeiter hingegen gehen davon aus, in der Arbeit ihr Glück zu finden. Viele hoffen auf ein Auskommen oder zumindest einen Zuschuss zu Hartz IV. Manche glauben sogar ernsthaft, in kreativen Berufen, flexiblen Arbeitszeiten und Selbstmanagement die große Freiheit zu erleben. Ein Einkommen zu haben stellt sich in dieser Gesellschaft als Notwendigkeit dar. Flexible und kreativ gestaltete Arbeitszeiten geben den Leuten endlich die Gelegenheit, sich selbst über die Zwänge von Feierabend und bezahltem Urlaub zu erheben und den Besten der Besten ein frühzeitiges Burnout zu verschaffen.

Dabei hat Lohnarbeit nicht viel mit Naturzwang oder gar Selbstbestimmung zu tun. Lohnarbeit bedeutet, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen. In dieser Gesellschaft ist das die Voraussetzung, um Zugang zu anderen Waren zu erhalten. Dieser Zugang ist über den Markt vermittelt. Um an Geld zu kommen, also zu Marktteilnehmerinnen und –teilnehmern zu werden, scheint es angebracht, im Zweifel noch die unangenehmsten Tätigkeiten über sich ergehen zu lassen. Werden diese plötzlich von Maschinen erledigt, ist das kein Grund zur Freude. Es wirkt absurd, ist aber unter den vorherrschenden Bedingungen nicht ganz unverständlich, dass Menschen die eigene Verwertbarkeit über alles geht und sie darin noch Glück, Identität und Selbstverwirklichung suchen.

Vor dem Hintergrund eines 12-Stunden-Tages ist der Kampf für einen Acht-Stunden-Tag ein begrüßenswertes Unterfangen, 8,50 sind als Stundenlohn netter als 5€ (auch wenn ein Herr Sarazin angeblich sogar noch für letzteres arbeiten würde). Aber warum acht und nicht vier Stunden? Warum 8,50 und nicht 20€? Die Begrenzung der Arbeitszeit und der Mindestlohn sind gemessen an dem, was vorher war, nicht unbedingt schlecht. Aber darin liegt sicherlich nicht die große Befreiung. Ziel sollte es sein, allen Menschen den Zugang zu möglichst allen Gütern zu gewähren und die unangenehmen Tätigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren. Dazu wird es in dieser Gesellschaft nicht kommen. Im Hier und Jetzt gilt die sozialdemokratische Binsenweisheit „Nur wer arbeitet, soll auch essen“. Um diese Unvernunft zu überwinden, müssen die Produktionsverhältnisse andere werden. Die Produktionsmittel müssen vergesellschaftet werden, an die Stelle von Warentausch und Mehrwert muss die Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse jeder und jedes Einzelnen treten.

Gegen den herrschenden Arbeitsfetisch! Für die sozialistische Weltgesellschaft!