Archiv für November 2015

Remagen Nazifrei 2015: Vortrag und Anreise

Für Freitag, den 13.11. haben wir ein/e Referent/in vom Bündnis „Remagen Nazifrei“ für einen Vortrag zum Naziaufmarsch in Remagen und dessen historische und personelle Hintergründe eingeladen. Los geht’s um 19 Uhr im Infoladen (wohl die letzte Veranstaltung von uns in den alten Infoladenräumlichkeiten…!). Mehr Infos, bitte weiter lesen:

Remagen Nazifrei:

Am 21. November wollen zum wiederholten Male Neonazis durch Remagen ziehen. Das Bündnis Remagen Nazifrei organisiert dieses Jahr vor dem Naziaufmarsch einen Gedenkspaziergang, der an verschiedenen historischen Orten an die Remagener Opfer des Nationalsozialismus erinnern soll.
Nach dem Gedenkspaziergang gibt es verschiedene Veranstaltungen in der Remagener Innenstadt und Protestaktionen gegen den Naziaufmarsch. Das Bündnis NS Verherrlichung stoppen ruft zu einer Demonstration unter dem Motto „Solidarität mit allen Geflüchteten – Rechtsterrorismus bekämpfen“ auf.

Der Vortrag wird einmal einen Überblick über die verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen am 21. November geben, aber auch den erinnerungspolitischen Kontext in Remagen beleuchten. Als Anlass für ihre jährliche Demonstration dienen den Neonazis die sogenannten Rheinwiesenlager, US-Kriegsgefangenenlager im Frühjahr 1945.

Anreise:

Aus Trier wollen wir mit einem Bus nach Remagen fahren um uns den verschiedenen Veranstaltungen anzuschließen. Tickets und Infos zur Anreise gibt esebenfalls auf der Veranstaltung.

Gedenkspaziergang 10 Uhr Remagen
https://www.facebook.com/events/542913662543246/

Demonstration von NS Verherrlichung stoppen: 11 Uhr Remagen

Die Kneipe nach dem Vortrag lädt wie gewohnt zum trinken gekühlter Getränke und diskutieren ein!

Nachtrag (2): Rede vom 01.05.15

Im folgenden dokumentieren wir unsere Rede zum Roten 1. Mai in Trier:

Ihr findet die Rede auch hier als pdf!

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,

Im Jahr 1889 erklärte der Gründungskongress der Zweiten Internationalen den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiterbewegung. Dies geschah in Erinnerung an die Haymarket Affair in den ersten Maitagen 1886 und zum Gedenken an die in der Folge hingerichteten Anarchisten. 1886 hatten Arbeiter in den USA den Acht-Stunden-Tag und bessere Löhne gefordert. Die Durchsetzung ihrer Ziele suchten sie durch Streiks. Am 1. Mai kam es in Chicago zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte.

Auch heute gibt es Gründe, Arbeitskämpfe zu führen. Stellenabbau und Prekarisierung von Arbeit bedrohen die Existenzen von Lohnabhängigen. Die Bereitschaft zum Konflikt scheint jedoch abzunehmen. Zugleich untergräbt die deutsche Sozialdemokratie, anfänglich unterstützt von den Gewerkschaften, mit Gesetzen zur Tarifeinheit die Möglichkeiten gewerkschaftlicher Organisation. Diese Entwicklungen stellen einen Angriff auf bisher erkämpfte soziale Standards dar. Jedoch sind sie nicht das eigentliche Problem.

Die Konkurrenz macht es für Unternehmen erforderlich, billiger zu produzieren oder nicht gewinnbringende Produktionen ganz einzustellen. Wer hier nicht mithalten kann, geht den Bach runter. Die Arbeiterinnen und Arbeiter hingegen gehen davon aus, in der Arbeit ihr Glück zu finden. Viele hoffen auf ein Auskommen oder zumindest einen Zuschuss zu Hartz IV. Manche glauben sogar ernsthaft, in kreativen Berufen, flexiblen Arbeitszeiten und Selbstmanagement die große Freiheit zu erleben. Ein Einkommen zu haben stellt sich in dieser Gesellschaft als Notwendigkeit dar. Flexible und kreativ gestaltete Arbeitszeiten geben den Leuten endlich die Gelegenheit, sich selbst über die Zwänge von Feierabend und bezahltem Urlaub zu erheben und den Besten der Besten ein frühzeitiges Burnout zu verschaffen.

Dabei hat Lohnarbeit nicht viel mit Naturzwang oder gar Selbstbestimmung zu tun. Lohnarbeit bedeutet, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen. In dieser Gesellschaft ist das die Voraussetzung, um Zugang zu anderen Waren zu erhalten. Dieser Zugang ist über den Markt vermittelt. Um an Geld zu kommen, also zu Marktteilnehmerinnen und –teilnehmern zu werden, scheint es angebracht, im Zweifel noch die unangenehmsten Tätigkeiten über sich ergehen zu lassen. Werden diese plötzlich von Maschinen erledigt, ist das kein Grund zur Freude. Es wirkt absurd, ist aber unter den vorherrschenden Bedingungen nicht ganz unverständlich, dass Menschen die eigene Verwertbarkeit über alles geht und sie darin noch Glück, Identität und Selbstverwirklichung suchen.

Vor dem Hintergrund eines 12-Stunden-Tages ist der Kampf für einen Acht-Stunden-Tag ein begrüßenswertes Unterfangen, 8,50 sind als Stundenlohn netter als 5€ (auch wenn ein Herr Sarazin angeblich sogar noch für letzteres arbeiten würde). Aber warum acht und nicht vier Stunden? Warum 8,50 und nicht 20€? Die Begrenzung der Arbeitszeit und der Mindestlohn sind gemessen an dem, was vorher war, nicht unbedingt schlecht. Aber darin liegt sicherlich nicht die große Befreiung. Ziel sollte es sein, allen Menschen den Zugang zu möglichst allen Gütern zu gewähren und die unangenehmen Tätigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren. Dazu wird es in dieser Gesellschaft nicht kommen. Im Hier und Jetzt gilt die sozialdemokratische Binsenweisheit „Nur wer arbeitet, soll auch essen“. Um diese Unvernunft zu überwinden, müssen die Produktionsverhältnisse andere werden. Die Produktionsmittel müssen vergesellschaftet werden, an die Stelle von Warentausch und Mehrwert muss die Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse jeder und jedes Einzelnen treten.

Gegen den herrschenden Arbeitsfetisch! Für die sozialistische Weltgesellschaft!

Nachtrag (1): Rede vom 13.11.14

Im folgenden dokumentieren wir unsere Rede auf der Kundgebung gegen Geschichtsrevisionismus im November 2014 in Trier:

Ihr findet die Rede auch hier als pdf!

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,

Wir stehen hier an einer der Skulpturen des Künstlers Hanns Scherl. Der in der gesamten Region Trier/Wittlich bekannte Künstler ist unter anderem für zwei Bronzeskulpturen in Trier und mehrere andere Werke in Wittlich und seiner Umgebung verantwortlich. In Trier ist besonders der sogenannte Schweinehirten an der Sparkasse in der Nähe der Porta Nigra bekannt. Die Skulptur des Glückstreibers – so der offizielle Titel der Skulptur – ist Ende der 1970er Jahren im Auftrag der Sparkasse errichtet und eröffnet worden und soll „ein Symbol für den fleißigen Arbeiter (…) der Stadt Trier und damit der Region sein“. Die Inszenierung dieser Skulptur zeigt einen Jungen mit drahtigem, entblößten Oberkörper, der drei Schweine mit einem Zweig vor sich hertreibt. Der Blick des Jungen richtet sich heroisch in die Ferne und scheint dem Bild eines heldischen Mannes mit wegweisendem Tatendrang zu entsprechen. Das vorindustrielle, romantische Landschaftsbild vermittelt zusätzlich eine völkische Atmosphäre und der viel zu muskulöse und athletische Körperbau des Jungen scheint an das nationalsozialistische Ideal eines gesunden und freien Volksgenossen angelehnt zu sein.

Dieser Eindruck drängt sich nicht zufällig auf: Das Männerbild der Nationalsozialismus zeigt Männer stets in selbstbewusster, aufrechter Haltung und häufig als revolutionäre Künder einer neuen Zeitordnung. Ein Vergleich mit im Nationalsozialismus angesehenen und gefeierten Künstlern offenbart deshalb auch eine auffallende Ähnlichkeit zu den Kunstwerken von Hanns Scherl.

Die hier vor uns stehende Familienskulptur mit selben Namen stammt ebenfalls von Hanns Scherl und wurde im Auftrag des Kreistags mit finanzieller Unterstützung der Stadt Trier und der Kreissparkasse Trier-Saarburg im Jahr 1985 eröffnet. Die Darstellung der Familie entspricht vergleichbar deutlich dem Geschlechter- und Familienbild des Nationalsozialismus. Der Maler und Kunsthistoriker Norbert Küpper weist deshalb auch auf die gravierende Ähnlichkeit der Familienskulptur von Scherl mit den Werken des NS-Künstlers Georg Meistermann hin. Die Darstellung der Familie, speziell das Körperbild der hier dargestellten Frau, sind den Figuren des genannten NS-Künstlers so ähnlich, dass man „fast schon von einer kopierhaften Adaption sprechen muss“. Der dargestellte Frauenkörper entspricht – wie der schon erwähnte Schweinehirte – ebenfalls dem nationalsozialistische Ideal: Der Oberkörper der Frau ist entblößt, ihre Brüste – trotz schemenhaft angedeuteter Kleidung – nackt und mit sichtbaren Brustwarzen dargestellt, während der Mann, im eleganten Mantel vollständig bekleidet, würdevoll voranschreitet. Dieses hier dargestellte Geschlechterverhältnis spiegelt die Geschlechterhierarchie und das sexistische, objekthafte Frauenbild des Nationalsozialismus wieder, denn auch dort war „die Bedienung des pornografischen Spannerblicks (…) ein vorgegebenes funktionales Gestaltungselement der völkischen Aktplastik“ (Küpper). Die Familie übernahm die Rolle der „Keimzelle des Volkes“ sollte den bestand der „deutschen Rasse“ sichern. Es scheint dies auch eine Intention des Künstlers gewesen zu sein, denn die Inschrift der Skulptur lautet: „Die Familie – Symbol der Zukunft und Eintracht des Trierer Landes (…)“

Schon 1995 wiesen die Kunsthistorikerinnen Flintrop und Kneer auf die eindeutige NS-Tradition und die vielen kunsthistorischen Parallelen des Werkes von Scherl und des Nationalsozialismus hin. Eine Ausstellung des Künstlers – ausgerechnet in dem, nach dem im NS entarteten Künstler Georg Meisterman benannten, Museum in Wittlich – wurde von vielen kritischen Stimmen begleitet und dennoch findet bis heute keine öffentliche Auseinandersetzung mit der politischen Dimension seiner öffentlichen Kunstwerke statt. Immerhin wurde seine Biographie und seine Haltung zum Nationalsozialismus in der Debatte um die Ausstellung in Wittlich etwas häufiger erwähnt:

Hanns Scherl war ab 1938 Mitglied der NSDAP und „im Dritten Reich kam er recht gut an und erhielt Aufträge, so für ein Hitler-Porträt im Wittlicher Kreishaus“ – so der ehemalige Trierer Museumsdirektor Dieter Ahrens. Im Wittlicher Tagesblatt vom 12.11.1938 bezeichnet Scherl seine Kunst außerdem als zum „Fanatismus verpflichtende Mission“ und der Kölner Stadtanzeiger berichtet von seinem Buch „Der Opferring des Kreises Wittlich“ indem Scherl in einer einleitenden Widmung „Dem Führer zum Geburtstag im Jahr der rheinischen Freiheit 1936“ gratuliert. Unter einem der Holzschnitte in diesem Buch, der ein Bauernpaar zeigt, steht geschrieben: „Die Treue zu Scholle, Blut und Sitte ist der Eifelmenschen tiefster Wesenszug„.

Die geistige Nähe von Hanns Scherl zum Nationalsozialismus scheint angesichts der vorgestellten Arbeiten offensichtlich zu sein doch ungeachtet dieser Tatsachen wird versucht eine kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk von Hanns Scherl zu verhindern:

Die weitreichende Kritik der Veranstaltung – die sogar soweit reichte, dass die Erben Georg Meistermanns juristische Schritte einleiten wollten, um den Namen des Museums zu ändern, falls die Ausstellung dort statt finden sollte – schien den Wittlicher Bürgermeister Rodenkirch nicht zu beeindrucken. Er zeigt sich zwar gesprächsbereit, hielt aber weiter an den Plänen fest, die Werke von Hanns Scherl im Meistermann-Museum auszustellen und so konnte die Ausstellung auch wie geplant und ohne kritische Begleitung stattfinden. Ein kritischer Vortrag des Kunstwissenschaftlers Thomas Schnitzler konnte hingegen erst nach der Ausstellung stattfinden und die vereinzelten Kritiken in der Öffentlichkeit trafen in der Bevölkerung fast ausschließlich auf Empörung. Der gute Ruf des einheimischen Künstlers und – nicht zu vergessen – der eigenen Stadt sollten nicht gefährdet werden und kritische Stimmen wurden schnell als Nestbeschmutzung und Störung des heimischen Friedens gebrandmarkt. Den Kritikerinnen und Kritiker in dieser Debatte wurde so viel zu oft vorgeworfen sie hätten eine persönliche Aversion gegenüber dem Künstler und alleine die Absicht sein Erbe zu schädigen.

Wir denken, dass Kunstwerke mit unübersehbarer Anlehnung an nationalsozialistische Ideologie nicht hingenommen werden sollten und fordern eine politische Aufarbeitung der Kunstwerke sowie eine dringend notwendige Auseinandersetzung der Stadt Trier mit der Person Hanns Scherl!

Kritik und die konsequente Aufarbeitung der deutschen Geschichte dürfen nicht als Denunziation gebrandmarkt werden!

Deutsche Täter und Täterinnen sind keine Opfer!